Begriffe

Etwas sein, das man nicht einmal kennt: "Care Leaver"

Viele, die gemeint sind, haben das Wort noch nie gehört. Hier steht, was es bedeutet und warum wir es verwenden.

Zwei Flyer von Nicht ohne uns mit den Fragen What’s a Care Leaver? und What’s a Care Receiver?

Das Wort in zwei Teilen

Lexikoneintrag Care Leaver:in. Eine Person, die in ihrer Kindheit oder Jugend in der Kinder- und Jugendhilfe gelebt und diese verlassen hat, oder ein junger Mensch mit eigener Erfahrung in der Kinder- und Jugendhilfe im Übergang in ein selbstständiges Leben.

Care

Betreuung, Fürsorge

Leaver

jemand, der etwas verlässt

Care Leaver*innen sind Menschen, die eine Zeit lang in der Kinder- und Jugendhilfe gelebt haben und die Betreuung wieder verlassen haben. Ein gutes deutsches Wort dafür gibt es nicht. Ehemalige? Betreuungsverlassende? Deshalb verwenden Fachleute und Selbstvertretungen im deutschsprachigen Raum meist den englischen Begriff.

Woher das Wort kommt

Das Wort kommt aus Großbritannien. Dort wird seit den 1980er-Jahren zum Übergang aus der Betreuung geforscht, unter dem Begriff Leaving Care. In den deutschsprachigen Raum kam es vor allem über die Wissenschaft.

Ab 2012 entstand an der Universität Hildesheim aus einem Forschungsprojekt ein Netzwerk von Care Leaver*innen, daraus wurde später der Careleaver e.V. In Österreich legte die Universität Klagenfurt 2019 die erste systematische Studie zu den Bildungswegen von Care Leaver*innen vor.

Das Wort kommt also aus Fachkreisen. Viele, die damit gemeint sind, haben es nie gehört.

Wer gemeint ist

Care Leaver*in bist du, wenn du in einer WG, einem Krisenzentrum, einem Kinderdorf oder bei Pflegeeltern gelebt hast. Dazu zählen bei uns auch alle, die von der Kinder- und Jugendhilfe ambulant oder mobil begleitet wurden. Wie lange das gedauert hat, wie lange es her ist und wie alt du heute bist, spielt keine Rolle.

Und Care Receiver*innen?

Lexikoneintrag Care Receiver:in. Ein Kind oder eine Jugendliche oder ein Jugendlicher, die aktuell in einer Form der Kinder- und Jugendhilfe leben und dort Unterstützung erhalten, oder ein junger Mensch, der Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Anspruch nimmt.

So nennen wir junge Menschen, die gerade jetzt in der Kinder- und Jugendhilfe leben oder begleitet werden. Receiver heißt Empfänger*in. Wer gerade Betreuung bekommt, weiß am genauesten, was darin gut läuft und was fehlt. Deshalb beginnt Selbstvertretung bei uns schon während der Betreuung.

Warum der Übergang so wichtig ist

Mit dem 18. Geburtstag endet für viele die Betreuung. Von einem Tag auf den anderen sind Care Leaver*innen dann für alles allein zuständig, für Wohnung, Geld, Ausbildung und Ämter.

Junge Menschen in Österreich ziehen im Schnitt mit etwa 25 Jahren von zu Hause aus. Das gilt nicht für alle. Frauen gehen meist früher als Männer, manche ziehen für Ausbildung oder Studium schon mit 18 aus, andere wohnen mit Ende 20 noch bei den Eltern. Der große Unterschied liegt woanders. Die meisten entscheiden selbst, wann sie gehen, und für viele bleibt die Tür nach Hause offen, wenn es nicht klappt. Mehr als die Hälfte der 20- bis 24-Jährigen wohnt noch bei den Eltern. Care Leaver*innen müssen gehen, wenn die Betreuung endet.

Wer mehr Zeit braucht, kann Hilfen für junge Erwachsene bekommen, längstens bis zum 21. Geburtstag. Die gibt es aber nur, wenn man bis zum 18. Geburtstag im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe betreut wurde. Einen Rechtsanspruch darauf gibt es nicht, die Behörde entscheidet nach eigenem Ermessen. Wie diese Entscheidung ausfällt, hängt vom Bundesland ab und oft auch davon, welche Behörde gerade zuständig ist. Wer die Betreuung einmal beendet hat, kann in den meisten Bundesländern nicht zurück in das Hilfesystem.

Zum Vergleich
18

Volljährigkeit

Für viele endet hier die Betreuung.

21

Ende der Hilfen

Spätestens hier enden die Hilfen für junge Erwachsene.

24

Gutscheine

Bis hier reichen die Gutscheine in Wien und Vorarlberg und die Unterstützung im Burgenland.

25

Auszug

So alt sind junge Menschen in Österreich im Schnitt, wenn sie von zu Hause ausziehen.

Ein Gutschein statt eines Rechts

In einigen Bundesländern bekommen Care Leaver*innen beim Auszug Beratungsgutscheine. In Wien und Vorarlberg sind es 45 Stunden bis zum 24. Geburtstag, in Oberösterreich bis zu 20 Stunden innerhalb von drei Jahren. Salzburg hat einen eigenen Care-Leaver-Scheck, Tirol bietet Beratung bis 24 über die bekannten Einrichtungen. Andere Bundesländer haben andere oder gar keine Lösungen.

Das ist besser als nichts. Aber 20 Stunden in drei Jahren sind weniger als eine Stunde im Monat. Die Gutscheine decken Beratung ab, keine Wohnung und keine Begleitung im Alltag. Sind die Stunden aufgebraucht, ist Schluss, egal wie es einem gerade geht. Manche Gutscheine gelten nur bei der früheren Einrichtung, auch wenn man dort schlechte Erfahrungen gemacht hat. Und ob es überhaupt Gutscheine gibt, hängt davon ab, in welchem Bundesland man aufgewachsen ist.

Was wir fordern

Hilfe soll so lange dauern, wie sie gebraucht wird. Ein Geburtstag sagt darüber nichts aus. Wir fordern einen Rechtsanspruch ohne starre Altersgrenze, der sich am tatsächlichen Bedarf orientiert. Dazu gehört das Recht, Hilfe wieder in Anspruch zu nehmen, auch wenn man nach dem 18. Geburtstag zunächst keine mehr hatte.

Zu den Forderungen

Du bist Care Leaver*in oder Care Receiver*in? Dann bist du schon Teil davon.

Mitmachen

Quellen

  • Österreichisches Institut für Familienforschung (2026): Care Leaver. ÖIF Forschungsbericht 60.
  • Stein, M. und Carey, K. (1986): Leaving Care. Blackwell, Oxford.
  • Groinig, M., Hagleitner, W., Maran, T. und Sting, S. (2019): Bildung als Perspektive für Care Leaver? Verlag Barbara Budrich. Zur Quelle
  • Careleaver e.V.: Über uns. Zur Quelle
  • Stadt Wien: Hilfe für Care Leaver aus sozialpädagogischen Einrichtungen oder Pflegefamilien. Zur Quelle
  • Vorarlberger Kinderdorf: Care Leaver, Ehemaligenbegleitung. Zur Quelle
  • Land Oberösterreich (2026): Beratungsgutscheine für Care Leaver auch für 2026 sichergestellt. Zur Quelle
  • Land Salzburg: Einheitliche Standards in der Kinder- und Jugendhilfe. Zur Quelle
  • Land Tirol (2026): Auf dem Weg in die Selbstständigkeit, Unterstützung für Care Leaver. Zur Quelle
  • Statistik Austria (2024): Die erste eigene Wohnung. Zur Quelle
  • Eurostat und Statistik Austria, zitiert nach Wiener Zeitung (2026): Warum jede:r Vierte Ende 20 noch bei den Eltern lebt. Zur Quelle