Nihil novi
Der polnische Sejm beschließt, dass keine neuen Gesetze ohne die Zustimmung der Betroffenen gemacht werden. Nic o nas bez nas.
Slogans machen große Gedanken merkbar. „Nothing about us, without us“ ist so einer. Er kommt aus der Behindertenrechtsbewegung, und seine Spur führt noch viel weiter zurück, bis ins Jahr 1505.
Die Wurzeln liegen in Polen. 1505 beschloss der polnische Reichstag, der Sejm, die Verfassung Nihil novi, lateinisch für „nichts Neues“.
Dahinter stand ein Machtkampf. Der Sejm bestand aus zwei Kammern. Im Senat saßen die reichsten und mächtigsten Personen des Landes, in der Abgeordnetenkammer der Adel, also Menschen mit Landbesitz, die weniger zu sagen hatten. Der König brauchte zwar die Zustimmung des Sejm für große Entscheidungen, der Senat hatte dabei aber deutlich mehr Einfluss als der Adel.
Als der Senat dem Adel seine Mitsprache nehmen wollte, wehrte der sich. Nihil novi war sein Sieg. Ab da durfte kein neues Gesetz mehr ohne Zustimmung des Sejm beschlossen werden, und der Adel machte die Gesetze mit.
Wer von Entscheidungen betroffen ist, soll an ihnen beteiligt sein.
Auf Polnisch heißt dieser Gedanke Nic o nas bez nas. Übersetzt: nichts über uns ohne uns.
Auf diesem Plakat steht der Satz in einer erweiterten Fassung. Nichts über uns, ohne uns, ist für uns. Beteiligung ist also nicht nur eine Frage des Anstands, sondern die Bedingung dafür, dass etwas überhaupt bei den Menschen ankommt, um die es geht.
Der Künstler schreibt dazu, der Satz sei aus dem Kampf von Menschen mit Behinderungen in Südafrika entstanden und könnte das Grundprinzip für Bewegungen überall sein. Unten auf dem Plakat steht derselbe Hinweis handschriftlich, dort werden auch Aktivist*innen der Jugendbewegung genannt.
In den 1990er Jahren übernahmen ihn Aktivist*innen der Behindertenrechtsbewegung. James I. Charlton erinnert sich, den Satz 1993 zum ersten Mal in Südafrika gehört zu haben, von Michael Masutha und William Rowland, die Disabled People South Africa leiteten. Aufgeschnappt hatten die beiden ihn bei einer internationalen Konferenz in Osteuropa.
Der Satz verbreitete sich schnell. In einer Zeit, in der Menschen mit Behinderungen oft für unfähig gehalten wurden, sagte er das Gegenteil. Sie wissen selbst am besten, was gut für sie ist, und sollen über ihr eigenes Leben entscheiden.
Nicht über uns reden, sondern mit uns.
Seither steht der Satz für volle Teilhabe. Für eine echte Stimme bei Entscheidungen über Betreuung, Arbeit, Bildung und öffentliches Leben. Und dafür, dazuzugehören, in der Nachbarschaft, im öffentlichen Raum und in der Politik, so wie alle anderen auch.
Der polnische Sejm beschließt, dass keine neuen Gesetze ohne die Zustimmung der Betroffenen gemacht werden. Nic o nas bez nas.
Aktivist*innen der Behindertenbewegung machen den Satz zu ihrem. Wenig später wird er weltweit zum Motto.
Menschen mit Behinderungen verhandeln und schreiben die UN-Behindertenrechtskonvention mit. Der Satz wird zum Verfahren.
Wir übernehmen ihn für eine Gruppe, über die genauso viel gesprochen und genauso wenig mitentschieden wird.
Der Gedanke hat die UN-Behindertenrechtskonvention geprägt. Sie hält fest, dass Menschen mit Behinderungen ohne Diskriminierung leben und in Bildung, Arbeit und Gesundheit dieselben Chancen haben sollen, und sie stärkt ihre Selbstbestimmung.
Entscheidend ist, wie dieses Dokument entstanden ist. Menschen mit Behinderungen und ihre Organisationen aus aller Welt haben mitverhandelt und mitgeschrieben. Der Satz war also nicht nur das Ziel, sondern auch der Weg dorthin.
Über Kinder und Jugendliche, die in der Kinder- und Jugendhilfe leben, wird viel gesprochen. In Hilfeplangesprächen, auf Fachtagungen, in Konzepten, in Gesetzen. Mitentschieden haben sie dabei selten.
Dabei steht das Recht seit 1989 in der UN-Kinderrechtskonvention. Artikel 12 sagt, dass jedes Kind in allen Angelegenheiten gehört werden muss, die es betreffen, und dass seine Meinung Gewicht hat.
Deshalb dieser Satz auch bei uns.
Wir sind Menschen, die in der Kinder- und Jugendhilfe aufgewachsen sind oder noch darin leben. Was wir wissen, weiß sonst niemand so genau. Genau deshalb gehören wir an den Tisch, an dem über uns entschieden wird.
Ein Satz ist ein Anfang. Mitreden ist das Ziel.
MitmachenDieser Text folgt in Aufbau und Inhalt dem Beitrag „Understanding ‚Nothing About Us Without Us‘“ von Rachel Bath und Michelle Willson, erschienen beim Canadian Council on Rehabilitation and Work. Wir geben ihn hier auf Deutsch wieder und verwenden ihn mit freundlicher Genehmigung.