Wer über uns spricht, soll mit uns sprechen!
„Nicht ohne uns“ ist eine Selbstvertretung von Menschen, die in der Kinder- und Jugendhilfe aufgewachsen sind, und jungen Menschen, die heute in betreuten Wohngemeinschaften, Kinderdörfern, Krisenzentren oder bei Pflegeeltern leben.
Was uns verbindet
Die Erfahrungen unserer Community gehen weit auseinander. Manche erinnern sich an die Zeit, die sie in der Kinder- und Jugendhilfe verbracht haben, als Rettung, andere als Bruch, als Zuhause oder nur als vorübergehenden Lebensraum. Was uns verbindet, ist, dass für unser Aufwachsen ein System zuständig war und nicht die eigene Herkunftsfamilie.
Hilfeplangespräche, Sozialarbeit, Volle Erziehung, begleiteter Besuchskontakt, MA 11 und viele andere Begriffe haben wir schon in jungen Jahren verstanden und erlebt. Auch inwieweit wir unsere Kindheit oder Jugend mitbestimmen konnten und wie Beteiligung im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe aussieht.
Was wir wollen
Trotz der Vielfalt an Erfahrungen, die unsere Community gelebt und erlebt hat, eint uns ein Wunsch. Wir wollen, dass Kinder und Jugendliche, die im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe aufwachsen, dieselben Startbedingungen bekommen wie Gleichaltrige, die in ihren Familien aufwachsen. Dass sie besser auf das Ende der Kinder- und Jugendhilfe vorbereitet werden, das ohnehin sehr abrupt kommt. Vor allem aber wollen wir, dass sie ab dem ersten Tag an allem beteiligt werden, was sie betrifft.
Das liest sich sehr abstrakt, aber es ist eigentlich ganz einfach. Beteiligung heißt für uns, mit den eigenen Wünschen, Sorgen und Meinungen ernsthaft gehört und ernst genommen zu werden. Entscheidungen so weit wie möglich gemeinsam auszuhandeln und auch dann zustimmungsberechtigt zu sein, wenn etwas aus gewichtigen Gründen gegen den eigenen Willen entschieden werden muss. Vor allem aber sind es die eigenen Rechte, die Kinder und Jugendliche erst kennen müssen, um sie überhaupt einfordern zu können.
Beteiligung ist kein Entgegenkommen oder ein Zusatz, sondern ein Recht.
Deshalb darf die Umsetzung dieses Rechts nicht davon abhängen, wie gut oder schlecht gerade die Auslastung oder die Ressourcen des Trägers oder der Pflegeeltern sind.
Care Leaver*innen und Kinder und Jugendliche in der Kinder- und Jugendhilfe
Eine Selbstvertretung für Personen, die im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe aufgewachsen sind, beteiligt in der Regel erwachsene Personen, Care Leaver*innen. Uns ist es aber wichtig, dass jüngere Menschen, die sich noch in einem Betreuungsverhältnis befinden, auch die Möglichkeit bekommen, sich in der Selbstvertretung zu beteiligen.
Care Leaver*innen werden von der sogenannten Fachwelt pausenlos gefragt, was sie gebraucht hätten. Wesentlich wäre diese Frage aber vor allem für die Kinder und Jugendlichen, die noch in der Kinder- und Jugendhilfe leben. Wir wollen nicht wieder über sie sprechen, weder direkt noch indirekt, sondern gemeinsam mit ihnen vertreten, was es braucht.
Für den Großteil von uns Care Leaver*innen war es eine Gemeinsamkeit, nicht ausreichend gehört zu werden. Deshalb wollen wir eine Selbstvertretung sein, in der sowohl junge Menschen als auch Care Leaver*innen nicht nur gehört werden, sondern sich aktiv für die Bedarfe unserer Community einsetzen können. Gemeinsam mit den Trägern der Kinder- und Jugendhilfe wollen wir Formate schaffen, die alle betreffenden Personen, Kinder, Jugendliche, Care Leaver*innen an den Tisch holen.
Wer weiß denn besser, wie sich das anfühlt? Wie viele Bezugsbetreuer*innenwechsel jemand hinter sich hat, ob und wie eine Einrichtung Beteiligung umsetzt, wie viel Pflegekinder, die doch eigentlich in einer „Familie“ aufwachsen, mit Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe gemeinsam haben, wie sich Personalmangel anfühlt und wie es ist, einen Beratungsgutschein über 45 Stunden in die Hand gedrückt zu bekommen (gültig bis zum 24. Lebensjahr), während Gleichaltrige sich oft jederzeit an ihre Familien wenden können, ohne Stundenlimit.
Dazwischen liegen so viele Erfahrungen, dass aus diesem Text ein richtig dickes Buch werden würde (Uh, das merken wir uns mal vor… vielleicht kommt das noch).
Worauf wir hinauswollen: Kinder und Jugendliche, die zukünftig selbst Care Leaver*innen sein werden, sollen die Möglichkeit bekommen, mitzubestimmen. Ob in Form der Selbstvertretung oder einfach im Rahmen der Unterbringung. Mitbestimmung ist weit mehr als eine wöchentliche Runde, um sich einzubringen. Bei der Zimmergestaltung und der Freizeit dürfen die meisten mitreden. Bei der Frage, wer neu in die Gruppe einzieht, wer als Betreuungsperson eingestellt wird oder welche Forderungen Verbände an die Politik stellen, kaum jemand.
Genau dort beginnt für uns echte Mitbestimmung.
Erfahrung ist eine eigene Form von Wissen
Wenn du in der Kinder- und Jugendhilfe aufgewachsen bist, weißt du oft Dinge, die andere in keinem Studium lernen. Wie sich ein Besuchskontakt anfühlt oder wie es ist, wenn deine Lieblingsbetreuungsperson kündigt. Wie seltsam es anfangs (und wie normal es irgendwann) ist, dass über einen selbst täglich Berichte geschrieben werden, oder wie es ist, eine Pflegefamilie und eine Herkunftsfamilie zu haben. Auch wie gut und sicher es sich anfühlt, eine Betreuerin oder einen Betreuer zu haben, die oder der sich für dich einsetzt und dich ernst nimmt.
Diese persönlichen Erfahrungen und dieses besondere Wissen unserer Community mögen zwar kein Fachwissen, das man an Hochschulen und Universitäten vermittelt bekommt, ersetzen.
Aber wir sehen es als eine eigene und wesentliche Form von Expertise an, die in fachlichen Diskursen und vor allem bei Entscheidungen bis heute nicht ausreichend vorkommt bzw. vertreten wird.
Wir wünschen uns deshalb mehr mit uns.
Nicht ohne uns!